Medikamente

“Der wird ja nur chemisch ruhig gestellt…

…und das war’s dann.”

Hier lesen Sie meinen persönlichen Standpunkt zum Thema Medikamenten-Therapie in der Kinder- und Jugendpsychiatrie:

Medikamente sind gefährlich!

Ja, richtig! Die Behandlung mit Medikamenten birgt Risiken. Natürlich wünscht sich jeder, dass alle psychiatrischen Probleme ohne Pharmakologie therapiert werden könnten. Die Kritik an einer leichtfertigen und unreflektierten Gabe von Medikamenten ist gerechtfertigt. Medikamente lösen keine Probleme. Körperliche und psychische Nebenwirkungen können auftauchen. Ein Blick in die jedem Medikament beiliegende Information (Waschzettel) klärt über die Risiken und Nebenwirkungen auf.

Noch mehr Gefahren:

Nach meiner Erfahrung sind noch andere Nebenwirkungen der Psycho-Medikamente zu berücksichtigen:

Oft verbinden Eltern und Pädagogen und auch Jugendliche den Einsatz von Medikamenten mit dem Gefühl, versagt zu haben. Der Gedanke, dass nichts anderes mehr helfen kann, erzeugt eine Tendenz zu Passivität. Die psychische Energie für die eigentlich notwendigen Veränderungen wird geschwächt.

Als Nebenwirkungen einer Medikamentengabe können sich auch Konflikte in der Familie verstärken oder Schuldgefühle entstehen.

Eine häufige Nebenwirkung gibt es in Familien, in denen sich die Eltern getrennt haben. Beide Eltern sind für das Kind verantwortlich. Der eine Elternteil befürwortet eine Pharmakotherapie, der andere hält sie für Teufelszeug. Das Kind kommt, wenn jetzt eine Medikamententherapie angeordnet wird, in einen Konflikt, durch den es zusätzlich belastet wird: Wenn ich die Pille schlucke, tue ich dem einen Elternteil einen Gefallen und verrate den anderen, der ist dann traurig oder wütend. Dass solche Konflikte wiederum das Potenzial haben, emotionale Belastung und Verhaltensstörungen bei Kindern zu verstärken, ist jedem ersichtlich.

Auch ein Rezept, das miese Gefühle erzeugt und eine Packung Medikamente, die im Schrank bleibt, nützen niemanden … und man traut sich nicht, dem Arzt das zu sagen. Damit ist dann auch noch die Vertrauensbasis zum behandlenden Arzt zerstört.

Genug der pessimistischen Aussagen.

Chancen:

Zum Beispiel Methylphenidat: Dieses Medikament hat eine gut belegte und sofort für jeden sichtbare Wirkung auf die Wahrnehmungsorganisation aufmerksamkeitsgestörter Kinder. Das Kind kann sich vielleicht erstmals seit langem wirklich über einen Zeitraum von mehr als zwei Minuten konzentrieren. Wenn gleichzeitig eine gemeinsame Initiative von Schule und Eltern startet, diese Fähigkeit zu nutzen, damit das Kind endlich mal Lernerfolge und andere Erfolgserlebnisse hat und Stolz sein kann auf die Anerkennung, die es dafür erhält, kann die Negativ-Spirale zu einem Aufwind werden.

Ein richtig eingesetztes Antidepressivum kann unvorstellbares subjektives Leid vermindern. Parallel eingesetzte Maßnahmen der Aufklärung, Begleitung und/oder Psychotherapie können die sich einstellende positivere Sichtweise verstärken, stabilisieren und für eine notwendige Veränderung der Sicht auf sich und die eigenen Fähigkeiten sorgen.

Bei anders nicht kontrollierbaren emotionalen Ausrastern kann manchmal ein Medikament dem Jugendlichen helfen,  ein wenig Steuerungsfähigkeit zu erhalten trotz der aufkommenden Wut. So kann der Rausschmiss aus Schule oder Ausbildung und weitere Strafanzeigen vielleicht verhindert werden und ein erfolgreicherer Lebensstil gefunden werden.

Psychisch erkrankte junge Menschen und die Systeme, in die sie eingebettet sind, fassen wieder Mut und können Schritt für Schritt mit geeigneten Maßnahmen die Bedingungen so verändern, dass Ziele erreicht werden.

Vorgehen:

Eine anspruchsvolle, systemisch geprägte Pharmakotherapie nimmt alle diese Aspekte mit in den Blick:

Auf Basis der psychiatrischen Diagnose und der wissenschaftlichen Erkenntnis und der Erfahrung wird ein empfohlenes und voraussichtlich hilfreiches Medikament ausgewählt. Die erhofften Wirkungen und die möglichen Nebenwirkungen werden offen zwischen Arzt, Eltern und Kind/Jugendlichem diskutiert. Die Entscheidung für oder gegen eine medikamentöse Behandlung wird gemeinschaftlich getroffen (informed consent). Niemand wird gezwungen! An den sich durch die Wirkung der Medikamente ergebenden Chancen zur Veränderung wird aktiv gearbeitet. Das Zusammenspiel der Medikation mit anderen pädagogischen, übenden und therapeutischen Maßnahmen wird berücksichtigt und optimiert. Die Ängste und andere Gefühle, die mit der Medikamententherapie verbunden sind, werden angesprochen und bearbeitet.  Fragen und Zweifel sind erwünscht, ebenfalls alle Anstrengungen, die biochemische “Krücke” wieder überflüssig zu machen. Die Dosis und Dauer der Medikamentenbehandlung wird flexibel der Gesamtsituation angepasst. Natürlich so viel wie nötig, so wenig wie möglich.

…am Besten ist es natürlich, wenn man sie nicht braucht!

… gilt auch für Gehstützen und Krankenhäuser.

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